Der Fall Collien Fernandes oder die Spitze des digitalen Gewalt-Eisbergs
Sie ist prominent und erfährt entsprechend mediale Aufmerksamkeit: Doch der Fall Collien Fernandes ist mehr als „nur“ die Geschichte einer Schauspielerin und Moderatorin, die – laut offiziellem Vorwurf - gegen die von ihrem Ex-Mann erzeugten und veröffentlichten Deepfakes ankämpft. Es ist die Spitze eines digitalen Gewalt-Eisbergs. In seiner besonderen Dimension hat er nicht nur einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Er nimmt auch eine Negativ-Entwicklung in den Fokus, unter der Frauen international verstärkt leiden. Denn digitale Gewalt trifft zunehmend Frauen. 73 Prozent wurden weltweit bereits zu ihrem Opfer.
Dabei reicht das Spektrum von Beleidigungen, Hasstiraden, Stalking, Erpressungen und Drohungen bis hin zu sexualisierter Gewalt und Doxxing (ungewollte Veröffentlichung privater Adressen) sowie zu den sogenannten Deepfakes. Individuell erzeugte Bilder, Videos und Audios, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz manipuliert wurden, um realistisch wirkende, aber gefälschte Inhalte zu erstellen. Jüngste Studien belegen, dass mehr als 30 Prozent aller Frauen Angst vor solchen Deepfakes haben.
Deshalb setzen wir uns als Soroptimistinnen dafür ein, dass Politik und Plattformen endlich Verantwortung übernehmen, dass Gesetzeslücken geschlossen werden. Wir brauchen Strukturen, die Gewalt gegen Frauen sichtbar machen - und ahnden. Denn unser Recht hinkt der digitalen Realität hinterher. Wir stehen daher hinter der Forderung, die Herstellung und Verbreitung sexualisierter Deepfakes ebenso wie voyeuristische und heimliche (Nackt-) Aufnahmen unter Strafe zu stellen, und dass die auf EU-Ebene bereits vorhandene Digitale-Dienste-Regulierung (Digital Service Act) in Deutschland als Gewaltschutz-Gesetz umgesetzt wird. Es würde Betroffenen wirksame Rechtsansprüche sichern – wie die Auskunft über Plattformen, Identifizierung der Täter sowie Schadensersatz und Accountsperrung. Und es muss möglich sein, dass Täter auch dann strafrechtlich verfolgt werden können, wenn sie sich durch Abmeldung oder Aufenthalt im Ausland einer Strafverfolgung zu entziehen versuchen. Plattformen müssen verpflichtet werden, sexualisierte Deepfakes schnell zu entfernen. Bei Untätigkeit sollten Sanktionen greifen.
SI Deutschland hat darüber hinaus als Mitglied im Deutschen Frauenrat, dem wichtigsten Dachverband für Frauenorganisationen und Gleichstellungspolitik in Deutschland, die Bundesregierung aufgefordert, mehr für die Gewaltprävention auch und gerade im digitalen Bereich, zu tun, und sich dabei am Gewaltbegriff der Istanbul-Konvention zu orientieren. Denn Gewalt im Netz und Deepfakes sind kein Einzelschicksal. Es sind reale Angriffe auf die Würde und Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen. Sie spiegeln unsere gesellschaftlichen Verhältnisse wider.
Uns Soroptimistinnen geht es um eine flächendeckende und kontinuierliche Prävention und Sensibilisierung für das Thema, was wir unter anderem bei unseren Aktionstagen im Rahmen der „Orange Days“ aktiv betreiben. Und wir stärken vorhandene Anlaufstellen und Einrichtungen, die Frauen helfen und schützen. Weshalb wir beispielsweise das Frauen- und Kinderschutzhaus in Gütersloh sowie die Frauenberatungsstelle unterstützen.
Wichtig ist aber auch der gesellschaftliche Diskurs. Dass junge Frauen und Mädchen besser geschützt, gestärkt und empowert werden, ist das eine. Aber es gilt auch, Jungen und Männer zu schützen - vor radikalisierenden und frauenfeindlichen Inhalten. Denn es gibt Netzwerke, die im Internet gezielt in Gaming-Plattformen auf diese Klientel zugehen, um sie mit frauenfeindlichen Inhalten zu konfrontieren, um zu normalisieren, dass man Frauen dehumanisiert und dass Vergewaltigungen und Gewalt in Ordnung sind. So werden Täter gemacht. Es braucht an dieser Stelle ganz klar eine bessere Durchsetzung von Kinder- und Jugendschutz im Internet, so dass Minderjährige diesen Inhalten nicht mehr ausgesetzt sind.
„Für jeden gilt, genauer hinzuschauen. Das Problem (digitaler) Gewalt gegen Frauen ist nur gemeinsam zu bewältigen“, erklärt SI-Club-Präsidentin Prof. Dr. Andrea Kaimann. “Da sind nicht nur wir Frauen gefordert, sondern auch die Männer. Es wird Zeit, dass sie sich überlegen, wie sie die ,Nestbeschmutzer‘ aus ihren Reihen bekommen, um ihre Partnerinnen zu schützen. Und als Väter sollten sie ihre Töchter nicht mit der digitalen Bedrohung allein lassen und sich überlegen, welche